Gedichte / Geschichten
Früh am Morgen, 19.10.1999
Ich gehe langsam vorwärts. Bei jedem Schritt zertrete ich knisterndes Schilf. Das Moor liegt still und erfroren vor mir. Es muss ein Tag unter der Woche sein; die Welt ist mit arbeiten beschäftigt. Hier im Moor ist das Leben eingeschlafen. Ich bin ein bisschen müde.
Der Boden sieht ungemütlich aus. Kein Platz, um den Körper abzusetzen. Ich gehe weiter.
Seltsam, an manchen Tagen ist einem die morgendliche Kraft verwehrt und der Mut bleibt in Erinnerung an den letzten Abend in seinem Versteck. Was habe ich getan?
Die Luft ist eisig kalt. Ich spüre meine Kleider bei jedem Schritt. Gut, dass ich mich warm angezogen habe, es scheint immer noch kälter zu werden.
Es ist kein Laut zu hören. Der Nebel zieht langsam an mir vorbei und streicht über das kalte Land. Ich bin erleichtert, dass die Sonne nicht scheint. Sie wird wohl für mehrere Tage verdeckt bleiben. Ich habe Zeit auszuruhen.
Während ich den Nebel betrachte und die kalte Luft in meine Lungen ziehe, gehe ich stetig weiter ins Moor hinein. Es ist so schön still hier. Ich folge brav den roten Wegmarkierungen. Keiner will hier versinken. Vielleicht gefällt mir diese Vorstellung nur, weil das Leben anders verlaufen kann. Hier zu verschwinden, und wenn nur in der Phantasie.
Es riecht gut hier. Nach altem Gras, grünem Wasser und verwahrlosten Tieren. In dieser Gegend wohnen keine Menschen. Sie sind schon vor langem von hier weggezogen. Sie haben den Geruch nicht ertragen. Menschengeruch wird von diesem Dunst verschluckt. Menschen riechen gar nicht, denke ich manchmal. Ich rieche sie nicht. Ich rieche nur diesen Gestank und wäre gern ein verwahrlostes Tier. Vielleicht ein Karnickel.
Die Wanderung wird langsam beschwerlich. Meine Schuhe sind zwei riesige Erdklumpen, meine Füße sind nass und ich schwitze unter den Axeln.
Wie weit das Moor ist. Ich möchte immer weiter gehen, ohne die Vernunft. Es atmet sich so frei in dieser herrlichen Einöde.
Wenn es die Erinnerung nicht gäbe, wäre es leichter. Dann müsste man nur die Last eines Tages durch die Gegend schleppen. Der Morgen wäre schwerelos.
Ich habe die Wegmarkierungen für einen Moment aus den Augen verloren. Dort drüben müsste die Nächste sein. Ein seltsamer Einfall, einen Ausflug ins Moor zu machen. Die anderen werden sich wundern, wo ich geblieben bin. Oder nicht?
Es müsste jetzt schon Mittag sein, das ist hier schwer zu bestimmen. Der Nebel liegt völlig ruhig über dem Wasser. Die Zeit ist stehen geblieben. Ist das ein Traum?
Ich bleibe stehen und überlege, ob ich zurück will. Die Stille lauscht meinen Gedanken. Zeit vergeht. Ich fange an zu zittern.
Ich trete den Rückzug an. Die Beine sind jetzt bleischwer geworden. Dort vorne war eben noch ein roter Pfahl... Ich suche den Weg - nach Hause.